Wenn du in Vietnam bist

Ich las diesen Artikel.
Ich sah viele paralellen zu mir.
Ich lachte viel.
Ich möchte es mit euch teilen.

..vergisst du dich. Eine Reise in die Heimat meiner Eltern.

Du besuchst deine Verwandten, und sie sind dir fremd. Du weißt nicht genau, was sie arbeiten, wo sie wohnen und wann sie geboren sind. Sie leben in einem Land, das du nur aus Urlauben kennst und aus den Erzählungen deiner Eltern. Du weißt, du bist für deine Verwandten eine Ausländerin. Eine reiche Westlerin. Die deutsche Nichte.

Im Flugzeug denkst du darüber nach, wohin die Reise führt. Leute, die dich nicht so gut kennen, sagen: in die Heimat. Deine Verwandten sagen: nach Hause. Deine Eltern sagen: zur Familie. Aber du weißt es nicht. Kannst dieses dumpfe Gefühl im Magen nicht benennen, das dich auf jede Reise hierher begleitet.

Am Flughafen von Saigon rätst du, wer ein echter Vietnamese ist und wer ein Auslandsvietnamese. Du erkennst es an der Kleidung (Polyester gleich Vietnamese) und an der Anzahl der Koffer (viele Koffer gleich viele Geschenke, also Auslandsvietnamese). Neben dir stehen deine beiden Geschwister, mit euren geraden Zähnen und der hellen Haut strahlt ihr diesen Wohlstand des Westens aus.

Deine Verwandten rollen auf dich zu. Kinder, die du noch nie gesehen hast, springen zwischen den Erwachsenen herum. Es ist halb sieben und tiefdunkel, es ist laut und schwül und voller Menschen. Alles dröhnt.

»Du bist aber dünn geworden!«

»Warum hast du dir deine Haare geschnitten?! Ist das in Deutschland modern?«

»Dein Gesicht sieht alt aus, du arbeitest zu viel!«

»Bist du müde? Willst du was essen?«

»Deine Geschwister sind ja viel größer als du!«

Sie umarmen dich auf diese komische Art, mit der Vietnamesen einander umarmen: schnell und möglichst ohne Körperkontakt. Du verhaspelst dich dabei, die Namen bei der Begrüßung zu nennen. Weißt nicht, was du sagen sollst, und könntest es auch nicht sagen, wenn du es wüsstest. Du erinnerst dich plötzlich, dass deine jüngste Tante Yoga macht. Sagst dir den Satz im Kopf vor und sprichst ihn dann aus. Sie nickt. Du bist erleichtert, weil du etwas gefunden hast, das euch verbindet. Nicht das Yoga, sondern die Erinnerung an den Moment, in dem sie dir davon erzählt hat. Du warst schon mal hier. Du kennst sie doch. Wieso hast du das vergessen?

Seither hattest du mit deinen Verwandten keinen Kontakt mehr. Worüber solltet ihr euch auch austauschen: dass du für ein langes Wochenende nach Paris geflogen bist? Dass deine größte Sorge ist, nicht genug Zeit zum Abschalten zu haben? Dass dein neues iPad sehr praktisch ist?

Und was würden sie dir antworten: dass die Luftverschmutzung in Saigon unerträglich ist? Dass sie sich Sorgen machen um die Zukunft ihrer Kinder? Dass 200 Dollar im Monat reichen, um die Familie zu ernähren, aber nicht für teure Medikamente, wenn einer krank wird?

Ihr lebt in zwei Ländern, zwischen denen Jahrzehnte liegen. Wie ein Riss zieht sich die Ungerechtigkeit der Globalisierung durch eure Familie. Gibt es mehr, das euch verbindet, oder mehr, das euch trennt? Selbst wenn es die Sprachbarriere nicht gäbe – könntet ihr einander jemals verstehen?

Du denkst, dass man Menschen kennen muss, um sie zu mögen. Dass man sich aussucht, mit wem man Beziehungen eingeht, und dass sie tiefer werden, je mehr man voneinander weiß und je mehr man sich schätzt. Für deine Verwandten spielt das keine Rolle. Entscheidend ist nicht, wer oder wie du bist. Entscheidend ist, dass ihr verwandt seid. Ihr müsst euch nicht gegenseitig befragen, ihr müsst nur zusammen sein. Gemeinsam essen oder gemeinsam rumsitzen, egal. Deswegen ist es auch nicht schlimm, dass ihr euch jahrelang nicht seht und in dieser Zeit keinen Kontakt habt.

So denken deine Verwandten, und so denkst du auch, nachdem du in Vietnam angekommen bist. Dein Leben in Deutschland verblasst. Unwichtig, dass du arbeitest, alleine lebst und oft reist. Wenn du in Vietnam bist, bist du das Kind.

Wie ein Kind wirst du danach gefragt, was dein Lieblingsessen ist. Ob es dir gefallen hat, auf den Markt zu gehen. Welchen Film du im Kino sehen möchtest und ob du nun müde bist. Als Kind musst du nichts entscheiden, nur zufrieden nicken, wenn deine Bedürfnisse erfüllt sind. Und schweigen, wenn du hörst, wie die Erwachsenen über dich reden. Wenn sie dein Aussehen, deinen Charakter oder dein Vietnamesisch kommentieren, während du danebenstehst.

Du hast gelernt, in welcher Reihenfolge deine Tanten geboren sind und dass es einen Unterschied gibt zwischen der Familie der Mutter und der des Vaters. Du hast gelernt, dass es innerhalb der Familie verschiedene Positionen gibt: älterer Bruder des Vaters, Großmutter mütterlicherseits, Frau des jüngeren Bruders der Mutter, ältere Schwester, Neffe und so weiter. Du redest auch Fremde auf der Straße als ältere Schwester und Großvater an.

Du hast gelernt, dass es verboten ist, vor Respektspersonen von dir selbst in der ersten Person zu sprechen. Du sprichst von dem anderen und dir selbst in der dritten Person:

»Macht die Tante noch Yoga?«

»Ja, die Tante macht noch Yoga. Macht die Nichte auch Yoga?«

»Nein, die Nichte macht kein Yoga. Sie findet es langweilig.«

Wenn du in Vietnam bist, vergisst du, dass es ein Ich gibt. Du bist nie allein und hast weder die Ruhe noch die Sprache, um so zu denken. In Ich-Form zu denken ist selbstbezogen und anmaßend. Wer bin ich? Das ist eine Frage, die du in Vietnam nicht beantworten kannst.

Wenn du hier geboren wärst, dann wärst du eine andere. Du wärst daran gewöhnt, dass der Jüngere dem Älteren gehorcht und die Frau dem Mann. Du würdest mit hoher, weicher Stimme sprechen, so wie die Frauen hier. Du würdest jeden Satz mit »Ja« beginnen, auch wenn er danach mit »Nein« weitergeht. Du würdest hoffen, einen Mann kennenzulernen, der nicht trinkt und Arbeit hat. Vielleicht würdest du davon träumen, eines Tages ins Ausland zu gehen. Die Welt hätte eine natürliche Ordnung, und du hättest deinen Platz darin, vom Schicksal festgelegt wie deine Schuhgröße.

Wenn du in Vietnam bist, vergisst du dich. Du sprichst mit einer hohen, weichen Stimme, so wie alle Frauen hier. Du beginnst jeden Satz mit »Ja«, auch wenn er danach mit »Nein« weitergeht. Wenn du siehst, dass deine Tanten für deine Onkel auf etwas verzichten, machst du es ihnen nach. Wenn du hörst, dass Frauen von ihren Männern betrogen und geschlagen werden, schweigst du. Dass Frauen leiden, ist normal. Wozu beklagen, was man nicht verändern kann?

Du siehst, wie du dich verwandelst, und du weißt auch, warum: weil du dich einfügen willst in die natürliche Ordnung. Du weißt, wo dein Platz ist. Aber wer bist du, wenn du deine Werte ablegen kannst wie Kleidung, die für dieses Klima zu warm ist?

Du hoffst, dass der Unterschied zwischen Vietnam und Deutschland kleiner wird. Dass die beiden Welten zusammenrücken, sodass du dich nicht jedes Mal ganz verlierst, wenn du von einer in die andere gehst.

Du bist aufgeregt, weil Siemens in Saigon eine U-Bahn bauen will. Du fotografierst die neuen Shoppingmalls mit den Louis-Vuitton-Geschäften, in denen keiner einkauft. Du mietest dich in Hanoi in einem neuen Hotel ein, in dem dieWände noch feucht sind. (Du checkst nach zwei Stunden wieder aus.) Du siehst, dass die Großstädte immer westlicher werden, aber du weißt auch, dass in Vietnam immer alles besser aussieht, als es ist.

Du weißt, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist, dass sie nicht statistisch erfasst wird. Dass das Essen immer teurer wird. Du siehst an deiner eigenen Familie, dass der Kommunismus, der ein Turbokapitalismus ist, das Land reicher gemacht hat, aber auch ungerechter:

Zwei deiner Onkel sind Zwillinge, sie studierten nach dem Vietnamkrieg Landwirtschaft. Beide bekamen von der Regierung in der Provinz eine Parzelle Land zugeteilt, zur Pacht. Der eine Onkel züchtete Shrimps, der andere Onkel Kautschuk. Der eine ging pleite, der andere expandierte. Onkel Loc arbeitet jetzt als Journalist und verdient weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Onkel Hoi verdient mit seiner Kautschukplantage so viel wie ein deutscher Chefarzt. Er versorgt seinen Bruder, wenn der mal Geld braucht.

In deiner Familie fragt niemand, warum es dem einen gut geht und dem anderen schlecht. Das Schicksal hat den beiden ihre Plätze zugewiesen. Du fragst deinen Vater, was er davon hält. Er streckt seine Hand in die Luft: »Die Hand hat fünf Finger, und jeder ist unterschiedlich lang.« Wenn du auch so denken könntest, hättest du nicht diese Schuldgefühle gegenüber deinen Verwandten. Warum hast du schon als Kind die Welt gesehen und deine Tante noch nicht mal Nordvietnam?

Warum kannst du diesen Text hier schreiben und dein Onkel, der Journalist, nicht?

In Hanoi triffst du gleichaltrige Vietnamesen, Studenten, Sozialwissenschaftler oder Beamte, mit denen du dich auf Englisch unterhältst. Wenn das Wort »Politik« fällt, dann senken sie die Stimme und schauen sich um. Sie fragen, ob Vietnam in Deutschland als Demokratie wahrgenommen werde, und rezitieren, was sie über die Vor- und Nachteile der Einparteienregierung gelernt haben. Vorteil: langfristige Politik, Nachteil: wenig Wettbewerb. Sie wollen mehr Transparenz und weniger Korruption, aber keinen Systemwandel. Das würde die Ordnung durcheinanderbringen.

Du denkst, dass die KP das Land regiert wie der Patriarch die Familie, von oben herab und mit Verboten. Die Bürger sind wie Kinder, die ihm gehorchen müssen. Wer die Regierung kritisiert, kann verhaftet werden. Wer die Autorität infrage stellt, vergisst seinen Platz. Die Hierarchie in der Familie erzieht die Vietnamesen zur Hierarchie in der Gesellschaft. Du fragst dich, wie sich der Einzelne gegen das Ganze auflehnen kann, wenn er doch kein »Ich« hat.

Du sitzt vor den jungen Vietnamesen mit deinen Idealen der freien Presse, der Mehrparteiendemokratie und der Aufklärung. Dir wird klar, dass du bei ihnen etwas suchst, was du nicht finden wirst: den Wunsch, sich von der autoritären Gesellschaft zu emanzipieren. Diese Jugendlichen wünschen sich nicht, »frei« zu sein, denn sie empfinden sich nicht als gefangen. Du denkst nur, dass sie sich so fühlen sollten. Weil du selbst so empfindest.

Einer deiner Gesprächspartner fragt dich: »Willst du in dein Mutterland zurückkehren und beim Aufbau helfen?« Du sagst, dein Vietnamesisch sei nicht gut genug.

Er fragt: »Wirst du etwas Kritisches über Vietnam schreiben?« Du sagst, das wüsstest du noch nicht.

Du fragst dich, wie er auf die Idee kommt, dich als Patriotin zu sehen. Als Vietnamesin, die seinen Stolz auf das Land teilt. Es befremdet dich, aber es berührt dich auch. Du bist für ihn eine Schwester.

Du spürst eine Wehmut, als das Flugzeug abhebt und Vietnam verlässt und sich ein Teil von dir verabschiedet bis zum nächsten Mal. Du hast viele Stunden Zeit, um nachzudenken, was du von dieser Reise mitnimmst. Warum du dich von dir selbst entfremdet fühlst, weil du dich deiner Familie gegenüber fremd fühlst. Ob du eine andere wirst, wenn du in das andere Land reist. Was das bedeutet: mehr als eine Person zu sein. Und du spürst dieses Gefühl im Magen und spürst, dass es warm ist.

Und wenn du dann in Deutschland landest, dann fühlst du dich kurz kalt und einsam, bis es dir wieder einfällt: Ich bin zu Hause.

Quelle: Khuê Pham – http://www.zeit.de/2012/01/Vietnam/

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.