Vượt Biển

Gerade hat meine Mutter mir etwas in die Hand gedrückt, das ich durchlesen sollte. Sie hat einen Teil ihrer Geschichte ihres Lebens aufgeschrieben, was dann auch veröffentlicht+ausgestellt wird. Ich fand den Text so toll, dass ich sie fragte, ob ich es in meinem Blog veröffentlichen dürfte. Glücklicherweise bekam ich eine Zusage (:

Xin Chào! Mein Name ist My Bui und vor einunddreißig Jahren habe ich zum ersten Mal deutschen Boden betreten. Meine Kindheit habe ich in Vietnam verbracht. Trotz der einfachen Verhältnisse und der Situation, in der wir lebten, habe ich sehr schöne Erinnerungen an sie. Wir sind Fahrrad gefahren und haben zusammen Obst geklaut. Meine Familie und ich lebten in Mittelvietnam, in dem kleinen Ort Huế. Ich ging also noch zur Schule, als meine Familie sich dazu entschloss, sich für sieben Familienmitglieder einen Platz auf einem Flüchtlingsboot zu suchen. Dafür musste man sehr viel Geld bezahlen und kurz vor der Abreise ließ uns der Kapitän des Bootes wissen, dass nur drei aus unserer Familie auf’s Schiff kommen dürften. Für die anderen wäre nicht genügend Platz vorhanden. So kam es dazu, dass meine Familie drei auf diese ungewisse Reise schickte. Meine beiden älteren Brüder und ich sollten gehen. Für mich bedeutete dies eine Reise in die Freiheit. Von meinem Heimatort Huế mussten wir erst in die Stadt Saigon. Von dort brach das Schiff über Nacht auf. Insgesamt einhundertdrei Flüchtlinge befanden sich mit uns auf dem Boot. Ohne Essen und Trinken fuhren wir unter diesen Umständen fünf Tage und vier Nächte ziellos umher. Hauptsache weg von Vietnam. Ich weiß noch, dass ich viel geweint habe, da ich große Angst hatte. Wir hatten großes Glück, denn dann trafen wir auf ein deutsches Schiff, das uns aufnahm. Schließlich brachte uns dieses Schiff auf eine malaysische Insel, während Kontakt mit der deutschen Botschaft aufgenommen wurde. Über vier Wochen waren wir somit in einem Lager untergebracht, bis alles geregelt wurde und wir mit dem Flugzeug nach Deutschland fliegen konnten. Zuerst wurden wir in das Lager Friedland gebracht. Dort haben wir auch den damaligen Bundespräsidenten Carstens getroffen, der uns einmal besucht hat. Bevor meine Brüder und ich nach Cuxhaven kamen, hielten wir uns einige Zeit in dem Lager Norddeich (Norden) auf. Während dieser Zeit hatten wir die Gelegenheit, deutsch zu lernen. Als wir dann nach Cuxhaven kommen durften, wurden wir herzlich empfangen. Mit der Hilfe meines Patenonkels, der eine Vietnamesin geheiratet hatte, begrüßte uns zum Beispiel in der Wohnung, die uns gegeben wurde, ein voller typisch vietnamesischer Kühlschrank. Auch hier in Cuxhaven lernten wir weiter deutsch. So kam jeden Tag ein Bus, der uns einsammelte und dann gemeinsam zum Lernen nach Döse fuhr. Daraufhin besuchte ich die Berufsbildende Schule, an der ich Hauswirtschaft lernte. Weil meine Brüder eine Arbeitsstelle in Hamburg gefunden hatten, zogen wir dorthin um. Ich nutzte die Gelegenheit, um als Frisörin ausgebildet zu werden. Vier Jahre später heiratete ich meinen jetzigen Mann, den ich auf dem Boot von Saigon aus kennen gelernt hatte. Seitdem bin ich hier in Cuxhaven geblieben. Meine beiden Kinder wurden hier geboren. Als sie größer waren, begann ich bei DaDalto zu arbeiten, wo ich sehr viele Leute kennen lernte. Danach machte ich mich mit einem Imbiss selbstständig. Momentan verkaufe ich an meinem Stand erfolgreich Frühlingsrollen.
Wenn ich an meine ersten Eindrücke von Deutschland denke, erinnere ich mich an mein Erstaunen über die großen Menschen, die blonden Haare und blauen Augen. Eine andere Mentalität und die Kälte waren für mich neu, aber ich gewöhnte mich immer mehr daran. In der Schule in Vietnam hatte ich nur etwas über Amerika und Frankreich gelernt, jedoch nichts über Deutschland. Dementsprechend war für mich alles neu und unbekannt. Mein allgemeiner Eindruck von den Menschen, die hier lebten, war, dass sie sehr nett, korrekt und vor allem hilfsbereit waren. Sehr pünktlich waren sie ebenfalls, denn wenn sie zum Beispiel eine Uhrzeit zum Verabreden ausmachten, hielten sie sich auch daran. In Vietnam kommt man zum Beispiel zwischen elf und zwölf Uhr, wenn man elf sagt. Mit der Zeit musste ich lernen “Nein” zu sagen, da in Vietnam dies oft umgangen wird. Ein Erlebnis, das mir unendlich viel Essen bescherte, obwohl ich satt war, hatte ich in einem Lager, wo nach jedem leeren Teller gefragt wurde, ob ich noch Nachschlag wollte. Zum Verhängnis wurde mir da die Tatsache, dass ich es nicht gewohnt war, abzulehnen.
Nach all den Jahren habe ich mich eingelebt und wenn ich Urlaub in Vietnam mache, finde ich vor allem den Lärm unangenehm. Die Vietnamesen bezeichnen meinen Mann und mich dann als “Ausländer”, obwohl wir doch in Vietnam aufgewachsen sind. Seit zehn Jahren bin ich Deutsche geworden und denke, dass ich im Inneren Vietnamesin bin und eine deutsche Lebensart habe.
Im Vergleich zu Deutschland ist zum Beispiel die vietnamesische Esskultur anders. Morgens isst man in Vietnam warme Nudeln oder eine Suppe zum Frühstück. Zum Mittagessen gibt es dann Reis mit gebratenem Gemüse, Fleisch und Suppe. Dabei wird das Essen in Schalen serviert, so dass sich jeder bedienen und so viel nehmen kann wie er will. Abends wird dann noch einmal warm gegessen wie zum Mittag. Der Tag, an dem es für die Kinder in Vietnam Geschenke gibt, ist nicht Weihnachten, da wir dies nicht feiern, sondern Neujahr. Dieser Tag variiert vom Datum her. Ebenso wird der Muttertag anders gefeiert als hier in Deutschland. So trägt derjenige, dessen Mutter lebt. an diesem Tag eine rote Rose und derjenige, dessen Mutter bereits gestorben ist, eine weiße Rose.
Wenn mein Mann und ich alt sind, träumen wir davon, in Vietnam als Zweitwohnsitz ein Häuschen im Grünen mit Tieren zu haben. Abschließend möchte ich mich bei allen bedanken, die mir geholfen haben, hier nach Deutschland zu kommen und mich in Cuxhaven so gut einzuleben.

Tausend Dank!

12 Kommentare

  1. Danke für die Geschichte. Wenn es mehr von davon gibt würd ich mich freuen das in deinem Blog zu lesen. Die Idee mit der Rose am Muttertag finde ich sehr schön. Öffentlich zu zeigen, dass man seine Mutter ehrt ist so ziemlich das größte Geschenk, das man seiner Mutter machen kann.

  2. Faszinierende (!) und spannende Geschichte, die sehr gut geschrieben wurde (:
    Ich finde das toll, dass man solche Erinnerungen und Erlebnisse auch mit anderen teilt.

    LG

  3. Eine sehr schöne Geschichte, und genau richtig für einen Blog in der Länge. Ich hoffe du leitest das Lob weiter, und überredest deine Mutter noch mehr zu schreiben, besonders von Huế. Ansonsten darfst du auch gerne mal deine Erfahrungen vom Urlaub dort erzählen.

    Viele Grüße!

  4. ich finde die geschichte auch sowas von toooooll. wirklich sehr interessant! da würde ich gerne mehr von lesen bzw hören ^_^ vllt verabreden wir uns mal um deiner mama zuzuhören was sie so erlebt hat ;D wäre doch total cool ^_^

  5. Total rührend und erinnerte mich zum Teil auch an die Erlebnisse meiner Eltern, als sie das erste Mal in die Schweiz gekommen sind (das mit den blonden Haaren fanden meine Eltern z.B. auch total sußergewöhnlich und teilweise merkwürdig xDD).
    Die Tradition mit den Rosen an Muttertag finde ich absolut schön! Ich wünschte, das gäbe es hier auch.
    Es ist schön zu lesen, dass sich deine Eltern so gut eingelebt haben!
    Liebe Grüße an deine Eltern 🙂

  6. Jetzt hab ich es auch endlich gelesen. Und ich kann den anderen nur zustimmen! Eine wundervolle und ergreifende Geschichte.

    Gerne mehr davon!

    Und das Haus im Grünen mit Tieren ist auch in Ostfriesland möglich. 😉 Auch wenn da der Muttertag nicht so schön gefeiert wird…

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