Die 300€ Tasse

Vor einiger Zeit war mein Dad in Vietnam. Beerdigung und so. Als eine Freundin das erfuhr, fragte sie mich sofort, ob er mir ein Geschenk von ihr mit nach Deutschland nehmen würde. Weil sie in Vietnam wohnt, wäre der Versand per Post etwas teuer. Also gab ich ihr die Mobiltelefonnummer von meinem Dad, um das mit ihm selbst zu regeln.

Er wurde also von ihr angerufen. Sie verabredeten sich am Flughafen und trafen sich dort. Ich weiß nicht was genau passiert ist, aber er verpasste dann seinen Flug und musste einen Tag länger bleiben. Man munkelt es wäre alles beabsichtigt gewesen und es gäbe eine Geliebte in Vietnam. Ob das stimmt weiß niemand so genau.

Jedenfalls war ich irgendwann danach in Cuxhaven. Es wurde gegrillt und die Familie war anwesend. Das Geschenk Stand auf dem Tisch und meine Mutter prahlte damit, ich hätte von einem Mädel aus Vietnam ein Geschenk bekommen und dass dieses Geschenk meinem Dad 300 Euronen gekostet hätte (Umbuchung, Taxi, Hotel, Essen, etc).

Bilder zum Geschenk:

Es ist viel zu Schade, um es in den Wandschrank (komisches Wort) zu stellen und dort zu verstecken. Deswegen steht es nun auf meinem Schreibtisch. Dort dient es mir als Stiftbehältnis und die Tasse erfüllt seinen Dienst sehr gut!

Die Welt retten und so..

Ich hatte schon desöfteren den Gedanken meine lebenswichtige Körperflüssigkeit (Blut) zu spenden. Da es für mich immer so eine Hürde, aufgestellt vom inneren Schweinehund, ist alleine zur Blutspendestation meines Vertrauens zu gehen, machte ich einen Aufruf bei Twitter, wer mir wohl Gesellschaft leisten wolle und mich, aufgrund eines verbalen Abkommens, daran bindet auch hin zu gehen.

Schnell fanden sich auch coole Blutspender, die mir meine Hand beim Spritze(n?) bekommen halten wollten. Weil es nicht allen Beteiligten zeitlich passte, verschoben wir die weltverbessernde Tat um eine Woche. Während der einen Woche fragte ich mich, was man als Blutspender eigentlich für Kriterien erfüllen muss. Dank der vielen Aufklärungs- und Informationsquellen im Internet erschielt ich schnell die Infos die ich brauchte: Ich darf gar nicht spenden.

Ausschlusskriterium für mich war nicht mein Alter (mind. 18), nicht meine (gesundheitliche) Verfassung, nicht mein Gewicht (mind. 50KG) oder einer der vielen anderen Kriterien. Grund für mein Spendeverbot liegt in meiner Reise nach Vietnam.

Vietnam ist, wie ich aus meinen Informationsquellen entnommen habe, ein Tropengebiet und somit darf ich, nach der Reise, sechs Monaten kein Blut spenden. Ende März flog ich zurück nach Deutschland. Um es einfach rechnen zu lassen: April + sechs Monate = Oktober
Oktober ist der frühste Monat, in dem ich mein Blut spenden darf. Wenn ich dann endlich Lebensretter bin, werde ich davon berichten.

Home Sweet Home

Es ist mal wieder so weit; es ist Wochenende, ich bin in Hamburg und mache nichts! Die vergangenen vier Wochenenden war, obwohl ich nicht mal in Hamburg war, zwar schön, aber dennoch anstrengend.

Es fing in der Woche an als meine Tante verstarb. Für die Beisetzung flog mein Vater für eine Woche nach Vietnam. Genau an dem Wochenende veranstaltete das kleine Dörfchen Altenbruch, in dem ich aufgewachsen bin, sein alljährliches Schützenfest. Da mein Vater nicht da war, fuhr ich hin, um meiner Mutter zu unterstützen. Das hieß für mich: Schnell hin und her fahren, Krams besorgen und tonnenschweren Krams rum schleppen. Nach dem das Schützenfest Montag Nacht/Dienstag morgen beendet war legte ich mich noch einige Stunden hin, stand übertrieben früh auf, fuhr mit dem Bus zum Bahnhof und fuhr direkt zur Arbeit nach Hamburg.

Das Wochenende darauf wollte ich nach Berlin fahren. Leider wurde ich von meiner Mitfahrgelegenheit (+49 (0) 152 53683127) versetzt. Also fuhr ich spontan mit dem ICE in die Hauptstadt. Wie zu erwarten wurde ich stilvoll mit einem Mercedes Benz CLS abgeholt. Nach einem tollen Wochenende, inklusive guter Hausparty mit Polizeibesuch, schlechter Party im Adagio[1] und Kinobesuch mit meiner Schwester (Nananannananana BATMAN), ging es Montag morgen direkt mit dem ICE zur Arbeit.

Ich hoffte das nächste Wochenende endlich mal wieder entspannen zu können, doch dann rief mich mein Onkel an und bettelte mich an: “Ich fahre eine Woche nach Cuxhaven und besuche deine Eltern. Bitte komme auch! BIITE BITTE BITTE BITTE BITTE”.
Ohne groß darüber nachzudenken packte ich meine Sachen und fuhr nach Cuxhaven. Immerhin ist das günstiger als nach München zu fahren und ihn zu besuchen (armer Student und so).
Statt dieses Mal Sonntag Abend wieder nach Hause zu fahren, machte ich das gleiche wie die zwei Wochen zuvor: Super früh aufstehen und mit all meinen Sachen direkt ins Büro fahren.
Und auch das folgende Wochenende fuhr ich spontan nach Cuxhaven. OI

Es ist so schön mal ein Wochenende in Hamburg zu verbringen und nicht darüber nachzudenken, wie man die kommenden Tage planen muss.

[1]http://www.adagio.de/

Skurriles aus Vietnam

Aus Deutschland ist es eine Ehre, wenn jemand sein Kind nach jemanden benennt. Selbst wenn es nicht beabsichtigt ist, dass jemand den gleichen Vornamen erhält, ist es eine Art besondere Verbindung Namensvetter zu sein.

Im fernen Vietnam, so erfuhr ich gerade, ist es nicht so; zumindest wenn es sowas innerhalb der Familie passiert.

“Straftat 1″

Mein Vater heißt Thu; mein Onkel heißt Thanh. Nun kam es, dass die Tochter der Schwester meines Vaters (kurz: meine Cousine) ihr Kind Thanh Thu nannte.

UIUIUIUIUIUIIIII – das gab Ärger!

“Straftat 2″

Meine Mutter heißt My. Sie wird von Dads Familie nur “Tante Thu” genannt. Nun kam es, dass, wie der Zufall es scheinbar wollte, eine meiner anderen Cousinen ihre Tochter, unwissend wie sie war, auch My nannte.

UIUIUIUIUIUIIIII – das gab Ärger!

Die Resultate der Namensgebung

Das was ich aus Erzählungen mitbekam war in etwa so :

  • “Unverschämt!”
  • “Wage es nicht dein Kind mitzubringen, wenn Onkel Thu und seine Frau da sind!”

Die Erklärung

Wieso ist das überhaupt so? Wieso darf/soll man nicht, beziehungsweise ist es verpönt, wenn man seine Kinder nach jemanden in der Familie benennt?
Um es erklären zu können muss ich etwas weiter ausholen:
In Vietnam gibt es eine Art von “Rangfolge”; nicht nur in der Familie sondern im Allgemein. Diese Rangfolge wird bestimmt durch 1. Geburtenreihenfolge und 2. Alter. Im Falle von Fremden in etwa gleichaltrige spricht man aus Respekt dem anderen gegenüber immer mit Anh/Chi an (Es gibt wohl keine bessere Übersetzung als große/r Bruder/Schwester).
Unter Freunden ist es das Alter. Ältere Freunde werden mit Anh und Chi” angesprochen. Jüngere (Geschlechts-unspezifisch) mit Em.
In der Familie spielen die Eltern eine jeweils wichtige Rolle. Der ältere Bruder als mein Vater wird anders angesprochen als der jüngere Bruder (Bac und Chu). Entsprechend sind meine Cousins geranked. Die Kinder des älteren Onkels (Bac) werden von mir mit Anh und Chi angesprochen, egal ob sie älter oder jünger sind als ich. Analog dazu sind die Kinder des jüngeren Onkels (Chu) “Ems

Nun ist es nicht sehr nett, wenn man über eine Respektsperson schimpft oder diese Person direkt beleidigt. Mit seinem Kind kann man umgehen, wie man will. Wenn man nun sein Kind so benennt, beide Namensvettern im selben Raum sind und man sein kind beschimpft und beleidigt, kann es zu leicht zu Missverständnissen kommen.

UIUIUIUIUIUIIIII – das könnte Ärger geben!

Tôi không hiểu

Ich fand meine Cousine, die ich in Vietnam traf, bei einem Instant Messaging Dienst und schrieb sie sogleich an. Es kam auch einige Tage später eine Antwort.

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Dienstag, 8. Mai 2012
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12:48:24 ich: hello (hallo)

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Sonntag, 13. Mai 2012
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06:23:33 sie: Cho hoj aj vay (darf ich fragen wer da ist?)
11:02:08 ich: tien day (hier ist tien)

Soweit ok. Sie wusste nicht wer ich bin (wer sich hinter dem Account verbirgt). Dass sie Js benutzt statt Is vertretbar, schließlich gibt es im Vietnamesischen kein J. Ich konnte es trotzdem lesen und verstehen. Immerhin kann ich Vietnamesisch reden+verstehen. Zwar ist das Lesen, obgleich mit oder ohne diakritischen Zeichen, nicht trivial doch machbar (sofern ich die Wörter kenne und aus dem Kontext erlesen kann). Doch dann kam das:

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Montag, 14. Mai 2012
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07:38:39 sie: Ua tjen nao ta
07:38:48 sie: Vay ban o dau
07:39:00 sie: B co bjk mjh ten j ko
07:39:12 sie: The b co wen mjh ko ya
07:39:27 sie: Mjh dau co wen aj ten Tjen dau
07:40:11 ich: :S tien mhmh.. map?!
07:40:27 sie: Woa
07:40:37 sie: Ah bjk oy
07:40:50 sie: Tjen khoe ko vay
07:43:19 sie: Lau qua ko gap Tien rui
07:43:56 sie: hehe

Ich verstand kein Wort! Ich sah Wörter die nichtmal Vietnamesisch aussehen. Sah ich da die Sprache der heutigen vietnamesischen Jugend, analog zum Netzjargon der Digital Natives? Ich wusste es nicht. Ich musste mich informieren! Praktisch, dass ich in Vietnam einige Kontakte knüpfen konnte, die mich zu gerne aufklärten und es mir übersetzten.

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Montag, 14. Mai 2012
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07:38:39 sie: Ua tjen nao ta (ehm wer ist Tien?)
07:38:48 sie: Vay ban o dau (Wo bist du?)
07:39:00 sie: B co bjk mjh ten j ko (weißt du wie ich heiße?)
07:39:12 sie: The b co wen mjh ko ya (kennen wir uns?)
07:39:27 sie: Mjh dau co wen aj ten Tjen dau (ich kenne niemanden, der Tien heißt)
07:40:11 ich: :S tien mhmh.. map?! (insiderwissen)
07:40:27 sie: Woa (woah)
07:40:37 sie: Ah bjk oy (ah ich weiß schon)
07:40:50 sie: Tjen khoe ko vay (wie geht es dir, Tien?)
07:43:19 sie: Lau qua ko gap Tien rui (lange nichts von dir gehört)
07:43:56 sie: hehe (hehe)

Jetzt wo ich weiß, was das heißen soll verstehe ich es auch. Doch wer kommt auf sowas? Eine kleine Exkursion in die Jugendschrift der Vietnamesen:

b = ban
ko = khong
ya = vay
w = qu >> wen = quen
bjk = bik = bit = biet

jackie-rageface

Wenn du in Vietnam bist

Ich las diesen Artikel.
Ich sah viele paralellen zu mir.
Ich lachte viel.
Ich möchte es mit euch teilen.

..vergisst du dich. Eine Reise in die Heimat meiner Eltern.

Du besuchst deine Verwandten, und sie sind dir fremd. Du weißt nicht genau, was sie arbeiten, wo sie wohnen und wann sie geboren sind. Sie leben in einem Land, das du nur aus Urlauben kennst und aus den Erzählungen deiner Eltern. Du weißt, du bist für deine Verwandten eine Ausländerin. Eine reiche Westlerin. Die deutsche Nichte.

Im Flugzeug denkst du darüber nach, wohin die Reise führt. Leute, die dich nicht so gut kennen, sagen: in die Heimat. Deine Verwandten sagen: nach Hause. Deine Eltern sagen: zur Familie. Aber du weißt es nicht. Kannst dieses dumpfe Gefühl im Magen nicht benennen, das dich auf jede Reise hierher begleitet.

Am Flughafen von Saigon rätst du, wer ein echter Vietnamese ist und wer ein Auslandsvietnamese. Du erkennst es an der Kleidung (Polyester gleich Vietnamese) und an der Anzahl der Koffer (viele Koffer gleich viele Geschenke, also Auslandsvietnamese). Neben dir stehen deine beiden Geschwister, mit euren geraden Zähnen und der hellen Haut strahlt ihr diesen Wohlstand des Westens aus.

Deine Verwandten rollen auf dich zu. Kinder, die du noch nie gesehen hast, springen zwischen den Erwachsenen herum. Es ist halb sieben und tiefdunkel, es ist laut und schwül und voller Menschen. Alles dröhnt.

»Du bist aber dünn geworden!«

»Warum hast du dir deine Haare geschnitten?! Ist das in Deutschland modern?«

»Dein Gesicht sieht alt aus, du arbeitest zu viel!«

»Bist du müde? Willst du was essen?«

»Deine Geschwister sind ja viel größer als du!«

Sie umarmen dich auf diese komische Art, mit der Vietnamesen einander umarmen: schnell und möglichst ohne Körperkontakt. Du verhaspelst dich dabei, die Namen bei der Begrüßung zu nennen. Weißt nicht, was du sagen sollst, und könntest es auch nicht sagen, wenn du es wüsstest. Du erinnerst dich plötzlich, dass deine jüngste Tante Yoga macht. Sagst dir den Satz im Kopf vor und sprichst ihn dann aus. Sie nickt. Du bist erleichtert, weil du etwas gefunden hast, das euch verbindet. Nicht das Yoga, sondern die Erinnerung an den Moment, in dem sie dir davon erzählt hat. Du warst schon mal hier. Du kennst sie doch. Wieso hast du das vergessen?

Seither hattest du mit deinen Verwandten keinen Kontakt mehr. Worüber solltet ihr euch auch austauschen: dass du für ein langes Wochenende nach Paris geflogen bist? Dass deine größte Sorge ist, nicht genug Zeit zum Abschalten zu haben? Dass dein neues iPad sehr praktisch ist?

Und was würden sie dir antworten: dass die Luftverschmutzung in Saigon unerträglich ist? Dass sie sich Sorgen machen um die Zukunft ihrer Kinder? Dass 200 Dollar im Monat reichen, um die Familie zu ernähren, aber nicht für teure Medikamente, wenn einer krank wird?

Ihr lebt in zwei Ländern, zwischen denen Jahrzehnte liegen. Wie ein Riss zieht sich die Ungerechtigkeit der Globalisierung durch eure Familie. Gibt es mehr, das euch verbindet, oder mehr, das euch trennt? Selbst wenn es die Sprachbarriere nicht gäbe – könntet ihr einander jemals verstehen?

Du denkst, dass man Menschen kennen muss, um sie zu mögen. Dass man sich aussucht, mit wem man Beziehungen eingeht, und dass sie tiefer werden, je mehr man voneinander weiß und je mehr man sich schätzt. Für deine Verwandten spielt das keine Rolle. Entscheidend ist nicht, wer oder wie du bist. Entscheidend ist, dass ihr verwandt seid. Ihr müsst euch nicht gegenseitig befragen, ihr müsst nur zusammen sein. Gemeinsam essen oder gemeinsam rumsitzen, egal. Deswegen ist es auch nicht schlimm, dass ihr euch jahrelang nicht seht und in dieser Zeit keinen Kontakt habt.

So denken deine Verwandten, und so denkst du auch, nachdem du in Vietnam angekommen bist. Dein Leben in Deutschland verblasst. Unwichtig, dass du arbeitest, alleine lebst und oft reist. Wenn du in Vietnam bist, bist du das Kind.

Wie ein Kind wirst du danach gefragt, was dein Lieblingsessen ist. Ob es dir gefallen hat, auf den Markt zu gehen. Welchen Film du im Kino sehen möchtest und ob du nun müde bist. Als Kind musst du nichts entscheiden, nur zufrieden nicken, wenn deine Bedürfnisse erfüllt sind. Und schweigen, wenn du hörst, wie die Erwachsenen über dich reden. Wenn sie dein Aussehen, deinen Charakter oder dein Vietnamesisch kommentieren, während du danebenstehst.

Du hast gelernt, in welcher Reihenfolge deine Tanten geboren sind und dass es einen Unterschied gibt zwischen der Familie der Mutter und der des Vaters. Du hast gelernt, dass es innerhalb der Familie verschiedene Positionen gibt: älterer Bruder des Vaters, Großmutter mütterlicherseits, Frau des jüngeren Bruders der Mutter, ältere Schwester, Neffe und so weiter. Du redest auch Fremde auf der Straße als ältere Schwester und Großvater an.

Du hast gelernt, dass es verboten ist, vor Respektspersonen von dir selbst in der ersten Person zu sprechen. Du sprichst von dem anderen und dir selbst in der dritten Person:

»Macht die Tante noch Yoga?«

»Ja, die Tante macht noch Yoga. Macht die Nichte auch Yoga?«

»Nein, die Nichte macht kein Yoga. Sie findet es langweilig.«

Wenn du in Vietnam bist, vergisst du, dass es ein Ich gibt. Du bist nie allein und hast weder die Ruhe noch die Sprache, um so zu denken. In Ich-Form zu denken ist selbstbezogen und anmaßend. Wer bin ich? Das ist eine Frage, die du in Vietnam nicht beantworten kannst.

Wenn du hier geboren wärst, dann wärst du eine andere. Du wärst daran gewöhnt, dass der Jüngere dem Älteren gehorcht und die Frau dem Mann. Du würdest mit hoher, weicher Stimme sprechen, so wie die Frauen hier. Du würdest jeden Satz mit »Ja« beginnen, auch wenn er danach mit »Nein« weitergeht. Du würdest hoffen, einen Mann kennenzulernen, der nicht trinkt und Arbeit hat. Vielleicht würdest du davon träumen, eines Tages ins Ausland zu gehen. Die Welt hätte eine natürliche Ordnung, und du hättest deinen Platz darin, vom Schicksal festgelegt wie deine Schuhgröße.

Wenn du in Vietnam bist, vergisst du dich. Du sprichst mit einer hohen, weichen Stimme, so wie alle Frauen hier. Du beginnst jeden Satz mit »Ja«, auch wenn er danach mit »Nein« weitergeht. Wenn du siehst, dass deine Tanten für deine Onkel auf etwas verzichten, machst du es ihnen nach. Wenn du hörst, dass Frauen von ihren Männern betrogen und geschlagen werden, schweigst du. Dass Frauen leiden, ist normal. Wozu beklagen, was man nicht verändern kann?

Du siehst, wie du dich verwandelst, und du weißt auch, warum: weil du dich einfügen willst in die natürliche Ordnung. Du weißt, wo dein Platz ist. Aber wer bist du, wenn du deine Werte ablegen kannst wie Kleidung, die für dieses Klima zu warm ist?

Du hoffst, dass der Unterschied zwischen Vietnam und Deutschland kleiner wird. Dass die beiden Welten zusammenrücken, sodass du dich nicht jedes Mal ganz verlierst, wenn du von einer in die andere gehst.

Du bist aufgeregt, weil Siemens in Saigon eine U-Bahn bauen will. Du fotografierst die neuen Shoppingmalls mit den Louis-Vuitton-Geschäften, in denen keiner einkauft. Du mietest dich in Hanoi in einem neuen Hotel ein, in dem dieWände noch feucht sind. (Du checkst nach zwei Stunden wieder aus.) Du siehst, dass die Großstädte immer westlicher werden, aber du weißt auch, dass in Vietnam immer alles besser aussieht, als es ist.

Du weißt, dass die Arbeitslosigkeit so hoch ist, dass sie nicht statistisch erfasst wird. Dass das Essen immer teurer wird. Du siehst an deiner eigenen Familie, dass der Kommunismus, der ein Turbokapitalismus ist, das Land reicher gemacht hat, aber auch ungerechter:

Zwei deiner Onkel sind Zwillinge, sie studierten nach dem Vietnamkrieg Landwirtschaft. Beide bekamen von der Regierung in der Provinz eine Parzelle Land zugeteilt, zur Pacht. Der eine Onkel züchtete Shrimps, der andere Onkel Kautschuk. Der eine ging pleite, der andere expandierte. Onkel Loc arbeitet jetzt als Journalist und verdient weniger als ein Hartz-IV-Empfänger. Onkel Hoi verdient mit seiner Kautschukplantage so viel wie ein deutscher Chefarzt. Er versorgt seinen Bruder, wenn der mal Geld braucht.

In deiner Familie fragt niemand, warum es dem einen gut geht und dem anderen schlecht. Das Schicksal hat den beiden ihre Plätze zugewiesen. Du fragst deinen Vater, was er davon hält. Er streckt seine Hand in die Luft: »Die Hand hat fünf Finger, und jeder ist unterschiedlich lang.« Wenn du auch so denken könntest, hättest du nicht diese Schuldgefühle gegenüber deinen Verwandten. Warum hast du schon als Kind die Welt gesehen und deine Tante noch nicht mal Nordvietnam?

Warum kannst du diesen Text hier schreiben und dein Onkel, der Journalist, nicht?

In Hanoi triffst du gleichaltrige Vietnamesen, Studenten, Sozialwissenschaftler oder Beamte, mit denen du dich auf Englisch unterhältst. Wenn das Wort »Politik« fällt, dann senken sie die Stimme und schauen sich um. Sie fragen, ob Vietnam in Deutschland als Demokratie wahrgenommen werde, und rezitieren, was sie über die Vor- und Nachteile der Einparteienregierung gelernt haben. Vorteil: langfristige Politik, Nachteil: wenig Wettbewerb. Sie wollen mehr Transparenz und weniger Korruption, aber keinen Systemwandel. Das würde die Ordnung durcheinanderbringen.

Du denkst, dass die KP das Land regiert wie der Patriarch die Familie, von oben herab und mit Verboten. Die Bürger sind wie Kinder, die ihm gehorchen müssen. Wer die Regierung kritisiert, kann verhaftet werden. Wer die Autorität infrage stellt, vergisst seinen Platz. Die Hierarchie in der Familie erzieht die Vietnamesen zur Hierarchie in der Gesellschaft. Du fragst dich, wie sich der Einzelne gegen das Ganze auflehnen kann, wenn er doch kein »Ich« hat.

Du sitzt vor den jungen Vietnamesen mit deinen Idealen der freien Presse, der Mehrparteiendemokratie und der Aufklärung. Dir wird klar, dass du bei ihnen etwas suchst, was du nicht finden wirst: den Wunsch, sich von der autoritären Gesellschaft zu emanzipieren. Diese Jugendlichen wünschen sich nicht, »frei« zu sein, denn sie empfinden sich nicht als gefangen. Du denkst nur, dass sie sich so fühlen sollten. Weil du selbst so empfindest.

Einer deiner Gesprächspartner fragt dich: »Willst du in dein Mutterland zurückkehren und beim Aufbau helfen?« Du sagst, dein Vietnamesisch sei nicht gut genug.

Er fragt: »Wirst du etwas Kritisches über Vietnam schreiben?« Du sagst, das wüsstest du noch nicht.

Du fragst dich, wie er auf die Idee kommt, dich als Patriotin zu sehen. Als Vietnamesin, die seinen Stolz auf das Land teilt. Es befremdet dich, aber es berührt dich auch. Du bist für ihn eine Schwester.

Du spürst eine Wehmut, als das Flugzeug abhebt und Vietnam verlässt und sich ein Teil von dir verabschiedet bis zum nächsten Mal. Du hast viele Stunden Zeit, um nachzudenken, was du von dieser Reise mitnimmst. Warum du dich von dir selbst entfremdet fühlst, weil du dich deiner Familie gegenüber fremd fühlst. Ob du eine andere wirst, wenn du in das andere Land reist. Was das bedeutet: mehr als eine Person zu sein. Und du spürst dieses Gefühl im Magen und spürst, dass es warm ist.

Und wenn du dann in Deutschland landest, dann fühlst du dich kurz kalt und einsam, bis es dir wieder einfällt: Ich bin zu Hause.

Quelle: Khuê Pham – http://www.zeit.de/2012/01/Vietnam/

lost & found

Ich fand etwa im Internet einen Text, der meine letzten zehn Tage in Vietnam aus einer interessanten dritten Sicht beschreibt. Da es sehr interessant geschrieben wurde und ich keine Details zu meiner Reise erwähnte verdient es diesen Blogeintrag!

Once Việt kiều, always Việt kiều

Vor zehn und acht Jahren war ich in Vietnam um meine Oma zu besuchen. Damals bekam ich zu den Winterferien der Schule eine zusätzliche Woche frei, sodass ich drei Wochen dort verbringen konnte. Bei meiner dritten Reise nach Vietnam verbrachte ich ebenfalls drei Wochen in Vietnam. Unterschied zu damals war, dass es jetzt der erste Todestag war[1].
Ich erlebte in den vergangen Wochen dort vieles, sah vieles, aß vieles, trank viel, schlief viel und lernte viele nette Menschen kennen.

Meine Reiseroute führte mich von Biên Hòa, der Heimatstadt meines Vaters, über die Küste von Vũng Tàu zu meinen Onkel nach Đà Nẵng und schließlich nach Hồ Chí Minh Stadt, Vietnams größte Stadt.

In Biên Hòa verbrachte ich die erste Woche sowie die letzten Tage meines Vietnamaufenthalts; anfangs noch mit der engsten Familie (Eltern+Schwester), zum Ende hin mit der “entfernteren” Verwandtschaft, da meine Eltern+Schwester wieder in Deutschland waren. Sogut wie jeden Abend war ich unterwegs, es verging kaum ein Tag an dem ich nicht von einen meiner Tanten, Onkel, Cousins oder Cousinen angerufen wurde weil sie etwas mit mir unternehmen, essen, oder einfach nur trinken wollten. So kam ich in den Genuss viele verschiedene Tiere zu kosten.

Nach Vũng Tàu, das etwa 85 KM von Biên Hòa liegt, fuhr ich mit meiner Familie via Zweirad. Da es an der Küste liegt war es dort um einiges kühler, dennoch unerträglich heiß…
Obwohl wir relativ früh losfuhren (9-10 Uhr) hatte ich nach der Fahrt von zwei Stunden einen Sonnenbrand an der Stelle, die ich vergass einzucremen; auf dem Fuß… aua ):
Eines Mittags, als alle schliefen weil es wieder wie immer zu warm heiß war um etwas zu unternehmen, fuhr ich mit dem Bike in der Gegend rum, entdeckte eine riesen Maria-Statue und fand dort den ersten vietnamesischen Geocache… yay! (:


Đà Nẵng besuchte ich ursprünglich nur, weil mein Onkel mit seiner neuen Frau und ihren Kindern wohnt, ansonsten wäre ich nur im Süden Vietnams verblieben. Im Nachhinein hätte ich es bereut nicht dort hinzufliegen, denn die Zeit dort war sehr schön! Meine Cousine wollte jeden Tag etwas mit mir unternehmen. So konnte man mich oft am Strand auffinden, im Restaurant meiner Tante am Essen erwischen oder mir beim Bier konsumieren Gesellschaft leisten.


In Saigon (Hồ Chí Minh Stadt) besuchte ich Viet, einen alten Freund, der damals nach Vietnam ging um ein Jahr dort zu arbeiten. Anscheinend gefiel es ihm so gut, dass er nach dem einen Jahr in Vietnam blieb und seine eigene Firma gründete[2]. Es war sehr schön mal wieder mit ihm zu reden. Besonders da ich ihn im vorherigen Sommer zufällig in Hamburg-Altona auf der Straße sah und dachte: “Das kann er nicht sein! Der ist doch in Vietnam”. Später erfuhr ich, dass er es war und nur den einen Tag in Hamburg war… die Welt ist ein Dorf!


Auch machte ich in Saigon meine ersten CouchSurfing Erfahrungen [3]. So traf ich Tuyen Minh auf einem Buchfestival, das anscheinend alle zwei Jahre stattfindet, tranken einen Cà phê sữa đá, einen vietnamesischen Kaffee mit Milch und Eis zusammen (zugegeben, ich trank ihn alleine, aber er ist sooo lecker *-* ), redeten über Gott und die Welt und schlenderten durch die Bücherstände. Am Abend zeigte sie mir noch das Café, in dem sie früher arbeitete.
Ihre Freundin Tuyet war immer dabei. Mit ihr unternahm ich letztendlich einiges mehr. Wir gingen Abendessen, Schlittschuhlaufen, Schwimmen, Mittagessen und noch Kino (genau in der Reihenfolge) … es war eine schöne Zeit!

[1]Giỗ Năm Đẩu
[2]cyclo.vn/
[3]CouchSurfing.org

Anekdoten aus Vietnam

Meine Oma ist ja nicht mehr, aber ih erfahre laufend neue Informationen über sie. So plante sie schon im voraus viele Dinge.

  1. relativ banal: ihr Testament stand schon lange Zeit vor ihren Abgang
  2. Auch bezahlte sie ihre eigene Beerdigung selbst! Angeblich war sie, für vietnamesische Verhältnisse relativ Reich.
  3. Das verbleibende Geld (nachdem es nach dem Testament “aufgeteilt” wurde), sollte auf die Bank gelegt werden. Drei mal im Jahr, jeweils zum Todestag von meinem Opa, meiner Oma und meinem Onkel soll sich die Familie treffen und von den Zinsen feiern. Niemand soll an dem Tag arbeiten, noch kochen oder sich in irgendeiner weise darum kümmern/sorgen müssen. Das Essen+Trinken im Restaurant wird von dem Geld bezahlt. Bei über 100 Kinder+Enkel+Urenkel schon beeindruckend!

Angeblich gibt es in Vietnam so eine Tradition, dass man zu einer Beerdigung den zurückgeblieben Geld schenkt. Ob man es schenken nennen kann weiß ich nicht genau, aber das ist jetzt irrelevant. Man kann es mit einem Hochzeitsgeschenk vergleichen, nur halt zur Beerdigung. Verrückt!!
Meine Oma wollte das jedoch nicht! So musste meine Familie einen Zettel schreiben, dass dieses Geld nicht angenommen wird.

Ist meine Oma nicht cool??